Offener Brief an unsere Staatsoberhäupter: Handeln Sie, bevor es zu spät ist! Im Pentagon wird ein neuer Krieg gegen Russland geplant – mit den Deutschen als Kanonenfutter. Unserem Land droht die atomare Vernichtung, wenn Sie die Vasallentreue gegenüber den Vereinigten Staaten nicht beenden: Der Ausstieg aus der NATO ist das Gebot der Stunde. Die Konformistenpresse wollte Rolf Hochhuths offenen Brief nicht drucken. Als der Autor ihn auf der COMPACT-Konferenz vortrug, verwechselte die taz vorab Wunsch mit Wirklichkeit und behauptete, Hochhuth käme nicht zur Veranstaltung.

Es folgen Auszüge aus dem Brief, den Sie in COMPACT 11/2015 vollständig lesen können – hier bestellen

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Cover_COMPACT_Magazin_2015-11_web-426x600Verehrte Frau Bundeskanzlerin, geehrter Herr Bundespräsident,

ich vermute, die Bekanntgabe, die NATO stelle jetzt „schwere“ Waffen in fast alle Staaten des an seiner Überflüssigkeit verendeten Warschauer Paktes auf, wird wie viele meiner Landsleute auch Sie alarmiert haben! Umso mehr, als die Antwort Herrn Putins keine 24 Stunden auf sich warten ließ: Er werde jetzt seine „atomare Streitmacht in Bereitschaft setzen“ – meines Wissens das erste Mal seit Hiroshima, dass verbal ein Staatsoberhaupt dermaßen eindeutig mit Atomwaffen drohte. „Mindestens 40 atomwaffenfähige Interkontinentalraketen modernster Bauart“ solle seine Truppe noch in diesem Jahr geliefert bekommen!

Darf ich hoffen, dass Sie mich nicht für einen Panikmacher halten? Theo Sommer schrieb vor einigen Wochen in der Zeit von „den pausenlosen Demütigungen Russlands durch den Westen, seit Ende der Sowjetunion“.

So maße ich mir an, zu warnen: Allein Deutschlands Ausstieg aus der NATO verhindert Finis Germaniae!

Nachfolgend Begründungen, um die maßlose Provokation Moskaus durch die NATO zu belegen:

* Die Militärparade im estnischen Narva, 100 Meter – nicht Kilometer! – vor der russischen Grenze. Sie, Frau Bundeskanzlerin, konnten Gott sei Dank eine Teilnahme der Deutschen noch verbieten. Ebenso, wie Sie dankenswerterweise beim NATO-Manöver vor der Krim nur erlaubt haben, dass ein deutsches Versorgungsschiff, kein bewaffnetes, mitmachte. Ich möchte dazu einen beängstigenden Vergleich anstellen: Wie würde die gesamte amerikanische Nation zu Recht aufschreien, manövrierten russische Schiffe zwischen Kuba und der US-Küste ?

* Darf ich Ihnen empfehlen, in das Buch von Staatssekretär a. D. Willy Wimmer zu sehen, 33 Jahre CDU-Mitglied im Bundestag, lange Zeit auch parlamentarischer Staatssekretär und Sprecher des Verteidigungsministeriums. Sein Titel: Die Rückkehr der Hasardeure (Zeitgeist Verlag). Herr Wimmer berichtet unter anderem vom Entsetzen des Bundeskanzlers Helmut Kohl, als der Staatssekretär ihm 1989 melden musste, dass anläßlich der NATO-Übung Wintex-Cimex 89 (exakt 100 Jahre nach Hitlers Geburt, der kein Deutscher war) Dresden und Potsdam nuklear weggemacht werden sollten, auf amerikanischen Befehl – wohlgemerkt aber von Deutschen selbst! Kohl befahl, sofort aus der Übung auszusteigen: „Lasst diesen Unsinn !“

Dazu meine Frage, denn dergleichen steht ja nicht mehr in der ach so freien deutschen Presse: Ist das Bundeskanzleramt von der NATO-Führung derart entmündigt worden, dass die NATO solch‘ selbstmörderischen Unsinn in der BRD veranstalten darf ? Hat Kohls Befehl, dergleichen nicht mitzumachen, zur Folge gehabt, dass Ähnliches seither unterblieb – oder geht es weiter so? Muss die deutsche Regierung weitere NATO-Veranstaltungen im gleichen Stil, mit ähnlichen Vorhaben auf deutschem Boden zulassen ? Erfährt sie überhaupt vorab davon ? Fühlen sich Deutsche – als NATO-Offiziere – nicht der deutschen Regierung, dem deutschen Volk verantwortlich, sondern der NATO?

Wie harmlos noch im 19. Jahrhundert Jacob Burckhardts Warnung: „Von allen Völkern sind die Deutschen die am raschesten Assimilierbaren.“ Sprich: Abzurichten durch die Macht, die bei uns mehr imponiert als irgendwo sonst auf der Welt, wie Pawlowsche Hunde.

Sie wissen, ich kann nicht als Politiker sprechen, nur als Normalverbrauchter, wiederhole aber Herrn Kohls Befürchtungen, über die ausführlich in Wimmers Buch nachzulesen ist. Wimmer spricht da wörtlich vom „Toben in der NATO“, anlässlich von Kanzler Kohls Befehl zum deutschen Ausstieg aus dem kriminellen Manöver – das aber ganz offensichtlich, dort nachzulesen, allein Herr Kohl kriminell, weil selbstmörderisch fand! Keineswegs auch einer der Unterlinge in der NATO-Generalität, sprich in der des Pentagons…Was ist dem noch zu entnehmen, als die absolute Entmündigung des deutschen Kontingents innerhalb der NATO ?

(…)

Ich sage das, weil ich vermute, dass Sie beide, unsere verehrten Staatsoberhäupter, nicht anders denken dürfen! Zweifellos wird das hier schon erwähnte „Toben in der NATO“, sollten Sie, Frau Bundeskanzlerin, Sie, Herr Bundespräsident das Bündnis verlassen, zu heute noch unvorhersehbaren Aufständen führen; möglicherweise sogar zur Zerstörung der NATO – und Sie, Frau Bundeskanzlerin, in höchste Lebensgefahr bringen! Sie wissen, auf General de Gaulle wurden drei (!) Attentate verübt, als er Frankreichs Ausstieg aus der NATO erklärt hat.

Missverstehen Sie mich nicht: Als mit 14 von den Amerikanern befreiter Hesse, habe ich nie aufgehört, den USA dankbar hoch anzurechnen, erstens dass ihre Luftbrücke Westberlin vor Stalin gerettet hat; zweitens dass nur der Marshallplan das Wirtschaftswunder ermöglichte. Doch beide Leistungen zur Rettung der Freiheit wenigstens in Westdeutschland sind nun älter als ein halbes Jahrhundert. Staaten und ihr Verhalten aber bleiben so wenig wie jeder Einzelne sich immer gleich über Jahrzehnte hinweg, können das gar nicht, ob bewusst, ob nicht.

Die neue Tatsache: Es ist gar nicht zu leugnen, beim Gewicht sogar schon der bestimmt nur sehr lückenhaften Informationen, die uns vorliegen – das Pentagon, bestimmt mehr als das Weiße Haus, ist als Auftraggeber der US-Rüstungsindustrie genötigt, einen Kriegsgrund ausfindig zu machen. Denn inzwischen gehen über 50 Prozent (!) des US-Budgets in die Rüstung. (Zum Vergleich: Bismarck gab selbst während seiner drei Kriege nie mehr als 25 Prozent des Haushalts für sein Militär aus.) Natürlich fragt das Repräsentantenhaus, wo der Feind sein soll, der eine solche Aufrüstung rechtfertigt. So erfanden die US-Militärs die „Notwendigkeit“, Russland aufzuteilen – wogegen Altkanzler Helmut Schmidt neulich feststellte, dass die
Ukraine niemals ein selbständiges Staatswesen war, so wenig wie die Krim !

(…)

Sie beide wissen ungleich genauer als ich, ein nur durch die deutsche Einheitspresse an der Nase herumgeführter, wie die Presse selbst, ziemlich Ahnungsloser: Es ist der feste Vorsatz des Pentagons, mit entscheidender Hilfe der NATO, die Russen demnächst zum Angriff zu zwingen! Zweifellos hat auch Sie beide, Frau Bundeskanzlerin, Herr Bundespräsident, Scholl-Latours ausführliches Buch Russland im Zangengriff tief erschreckt. Das zwingt zur Güterabwägung.

Wer die drei Bände der Gespräche Bismarcks gelesen hat, der weiß, wie oft verjährte Bündnisabkommen zu Nasenringen werden. Was aber zu Bismarcks Zeiten noch völlig undenkbar war, beispiellos zynisch, ist – wie Sie wissen – Tatsache in der Gegenwart, obgleich noch vor Bundeskanzler Konrad Adenauer verschwiegen: das Geheimabkommen Kreml-Weißes Haus von 1959, demzufolge allein Germany weggemacht wird. Sollte der Kalte in einen Heißen Krieg „ausarten“, werde garantiert bei den vier Siegern von 1945 – Russland, England, Frankreich, USA – keine Fensterscheibe kaputt gehen, sondern lediglich „Germany“ atomar weggemacht. Henry Kissingers erwähnt solch ein Geheimabkommen auch in seinen Memoiren, 1979. Diese Ruchlosigkeit ist noch in Kraft.

Entschuldigen Sie, dass ich hier an Absprachen erinnere, über die ja Sie beide unvergleichlich genauer informiert sind als ich – doch keineswegs der Bundesbürger. Ebenso wenig wie über das Ehrenwort Kanzler Kohls an Herrn Gorbatschow: Rücke er die Ostzone heraus – werde die NATO keinen Meter ostwärts vorrücken!
Sie ist, wie Sie beide wissen, tausend Kilometer weitergerückt nach Osten – das ist ein Drittel des Weges nach Stalingrad …

Herr Gorbatschow war genötigt, das am 2. April 2009 zu kommentieren. Er gab Kai Diekmann für die Bild-Zeitung, folgendes Interview, das „natürlich“ keine Zeitung erwähnte, weil „man“ Bild nicht zitiert: „Kohl, US-Außenminister James Baker und andere sicherten mir zu, dass die NATO sich keinen Zentimeter nach Osten bewege würde. Daran haben sich die Amerikaner nicht gehalten, und den Deutschen war es gleichgültig. Vielleicht haben sie sich sogar die Hände gerieben, wie toll man die Russen über den Tisch gezogen hat. Was hat es gebracht? Nur, dass die Russen westlichen Versprechungen nun nicht mehr trauen …“ Diese Tatsache wurde auch von Ray McGovern bestätigt, der 27 Jahre lang Berater der CIA bei immerhin sieben Präsidenten der USA war.

Die Angst also, dass Deutschland, gemäß Bertolt Brechts Voraussage von 1951, bald verschwunden sein wird, wenn nicht Sie, Frau Kanzlerin und Sie, Herr Präsident, die sehr große Last des deutschen Austritts aus der NATO auf sich laden – doch, wie gesagt, auch Präsident General de Gaulle musste das einst riskieren –, ist mein einziger Grund für diese Petition.

(…)

Rolf Hochhuth (*1931) gehört zu den bedeutendsten deutschen Dramatikern. Mit seinen Stücken provozierte er immer wieder gesellschaftliche Debatten. Der Stellvertreter (1963) thematisierte die Rolle des Vatikan beim Holocaust, Soldaten (1967) den britischen Bombenkrieg gegen das Deutsche Reich. Mit Wessis in Weimar (1993) und McKinsey kommt (2004) legte Hochhuth eine scharfe Kritik an der Wiedervereinigung beziehungsweise dem Neoliberalismus vor. Seine Erzählung Eine Liebe in Deutschland (1978) könnte zum Rücktritt des früheren NS-Marinerichter Hans Filbinger vom Amt des baden-württembergischen Ministerpäsidenten beigetragen haben.

Zuerst erschienenCompact Magazin
AutorRolf Hochhuth
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Kommentare

19 Kommentare

  1. Facebook wurde nur gegründet um 1. genau zu wissen, wie die Stimmung ist und 2. der Protest findet auf Facebook statt ,das ist nicht schlimm ! Die können alle steuern ,wie sie Lust und Laune haben !

  2. den artikel brauche ich gar nicht zu lesen. herr hochhut hat recht. aber…………………..die angesprochenen haben andere ziele. da spielt die nato eine ganz untergeordnete rolle, naemlich keine. die politarrangeure wollen die zerstoerung deutschlands und ein zerstoertes deutschland braucht keine nato.

  3. Da wir keinen Friedensvertrag haben befinden wir uns seit 1945 offiziell immer noch im Krieg. Deutschland ist somit kein souveräner Staat . Merkel hat nichts zu sagen, es bestimmen immer noch die ehemaligen Westalliierten.

  4. Nur ein europ. Bündnis, ohne US-Beteiligung, kann zu Frieden in Europa und auch der restlichen Welt führen. Der Grund ist einfach ! Der USA fehlen die Handlanger und Militärbasen, um aufwändige Kriege und Putsche durchzuführen. Auch Drohnenmorde wären für geraume Zeit ausgeschlossen.
    Europa wäre unabhängig und müsste keine Provokationen zulassen.
    Was sehr dumm ist, …. die Marionetten in der EU, vorne weg der Nato-„Schein“-Befehlshaber, wollen nicht

  5. Es fällt mir schwer zu glauben, dass Merkel/Gauck die vollständige Pulverisierung Deutschlands anstreben, da sie doch beide kluge und verständige Personen zu sein scheinen, in deren Vergangenheit keinerlei Auffälligkeiten, die auf latent vorhandenen Wahnsinn hinweisen, zu finden sind…

    Es stellt sich mir somit also die Frage, was die Regierung, es sind ja nicht nur diese beiden, die diesen Kamikaze-Kurs fahren, sondern auch die anderen, die Minister, die Staatssekretäre und Abgeordneten, dazu veranlasst, Deutschland und die 80 Mio. unschuldiger Menschen, die in unserem Land leben, länger als notwendig diesen Gewissen- und Ruchlosigkeiten der amerikanischen Imperialisten, die de fakto die NATO beherrschen, auszusetzen…

    Da es sich bei der deutschen NATO-Mitgliedschaft offensichtlich um kein „Geschäft“ handelt, das für uns einen anderen Inhalt als den Strahlen- und Bombentod haben könnte, stellt sich mir die Frage, ob hier wohl eine US-amerikanische ERPRESSUNG vorliegt…

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